
Fünf vor neun. In einer Stunde beginnt das größte vegane Food-Event Europas auf der Donauinsel. Mein erster öffentlicher Auftritt mit „Die Pflanzerei“. Der Stand ist aufgebaut, mein Team steht in den Startlöchern. Nach außen wirkt alles vorbereitet.
Nur ich weiß: Ich bin es nicht.
Mein Produkt „GUSTL – Der pflanzliche Leberkäse“ ist noch nicht da.
Ich stehe hinter dem Tresen meines Foodbikes und spüre meinen Puls in den Fingerspitzen. Müde von zu vielen schlaflosen Nächten. Monatelang führte ich Gespräche mit Metzgern, in denen ich erklären musste, warum ich als Veganerin glaube, Leberkäse neu denken zu dürfen.
„Zu kompliziert.“
„Zu kleine Menge.“
„Vegan? Machen wir nicht.“
In all den Gesprächen habe ich genickt, mich bedankt und am Heimweg im Zug aus dem Fenster geschaut, damit niemand sieht, wie mir die Tränen kommen. Dieses stille Brennen hinter den Augen. Dieser Gedanke: Vielleicht willst du einfach zu viel. Vielleicht gehörst du hier nicht hin.
Was niemand erzählt, wenn es ums Gründen geht: wie sehr es am Selbstwert kratzt. Wie schnell aus einer Idee eine Identitätsfrage wird. Nicht mehr: Funktioniert das Produkt? Sondern: Funktioniere ich?
Zurück am Foodbike, zehn nach neun fährt ein Auto vor und ich halte die Luft an. Mir ist flau im Magen: Er ist da. Mein erster GUSTL. Und er ist knalllila.
Monatelang Entwicklung und jetzt das: Lila. Nicht rosa. Ich sehe ihn an und denke: Vielleicht hatten sie recht, vielleicht überschätze ich mich.
Das ist der Moment, in dem nicht der Leberkäse auf dem Prüfstand steht, sondern ich.
Wir schneiden ihn auf. Er dampft. Er riecht gut. Die ersten Besucher:innen beißen ins Gustl-Leverkas-Semmerl. Ich beobachte jedes Gesicht. Suche nach diesem Blick, der alles bestätigt, wovor ich Angst hatte.
Er kommt nicht.
Stattdessen höre ich: „Wow. Der schmeckt wie Fleisch, richtig gut.“
Und in diesem Moment verschiebt sich etwas. Nicht draußen. In mir. Die Zweifel sind nicht weg. GUSTL ist immer noch lila von zu viel roter Rübe. Ich bin immer noch keine Metzgerin. Und ja, es ist schwer. Viel schwerer, als ich es mir je vorgestellt habe.
Die Absagen. Die Nächte ohne Schlaf. Dieses ständige Gefühl, vielleicht nicht genug zu sein.
Es ist schwierig.
Aber ich merke auch: Schwierig heißt nicht, dass ich falsch bin. Dass ich aufhören sollte. Schwer heißt nur, dass ich Neuland betrete.
Ich war nicht fertig. Das Produkt auch nicht. Aber ich stehe hier.
Es ist schwierig.
Und ich bin trotzdem geblieben.
Mehr hat es in diesem Moment nicht gebraucht.
Das war der Anfang einer noch größeren unternehmerischen Achterbahnfahrt.
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